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Hintergrund
Das Sozial- und Gesundheitswesen steht unter enormem Transformationsdruck. Fachkräftemangel, demographische Veränderungen und steigende Anforderungen an die Versorgung führen dazu, dass Einrichtungen versuchen, Prozesse effizienter zu gestalten, um die Versorgungsqualität zu sichern. Digitalisierung wird dabei als ein zentraler Ansatzpunkt gesehen. Während der Handlungsdruck zur Einführung digitaler Technologien groß ist, ist fraglich, inwieweit die Digitalisierung unter Einbezug der Mitarbeitenden in Anbetracht der fehlenden zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen gestaltet werden kann. Die Interviewstudie soll dieses Spannungsfeld untersuchen und die Frage klären, wie Digitalisierungsprojekte im Sozial- und Gesundheitswesen unter der Bedingung knapper Ressourcen gestaltet werden und welche Rolle die Mitarbeiterpartizipation dabei spielt.
Methode
Dazu wurden 6 leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt und Personen, die an Digitalisierungsprojekten in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens beteiligt waren, befragt. Die Interviewpartner verfügten über umfassende praktische Erfahrung in der Planung, Umsetzung und Begleitung von Digitalisierungsprojekten. Die Rekrutierung der Teilnehmenden erfolgte über Praxispartner des Forschungsprojekts KompIGA. Die Interviews wurden transkribiert und gemäß der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet.
Ergebnisse
Die Auswertung zeigt, dass in vielen Fällen nicht die Frage gestellt wird, „ob“ digitalisiert wird, sondern lediglich „wie schnell“ und „in welchem Umfang“ dies umsetzbar ist. Die Dringlichkeit, digitale Lösungen einzuführen, wird von allen Befragten als alternativlos („Das ist kein nice-to-have, sondern ein must-have.“) beschrieben. Die angespannte Situation im Sozial- und Gesundheitswesen führt jedoch dazu, dass eine aktive Partizipation nur stark eingeschränkt möglich ist. Es fehlen Zeitfenster und personelle Ressourcen, um Mitarbeitende in die Entwicklung und Einführung digitaler Anwendungen einzubinden.
Als Hindernisse für eine erfolgreiche Einführung von Digitalisierungsprojekten gelten vor allem fehlende finanzielle sowie personelle Ressourcen – letztere insbesondere bei der Partizipation von Mitarbeitenden. Technische Probleme, wie eine unzureichende Benutzerfreundlichkeit (Usability) neuer Technologien, werden nur selten genannt. Übergreifend wird ein Desinteresse der Mitarbeitenden an technischen Themen genannt – und gleichzeitig eine hohe Affinität zu direkter zwischenmenschlicher Arbeit („[D]ie Menschen haben den Job gewählt, um mit Menschen zu arbeiten und nicht, um am Computer zu hocken“). Organisatorische Herausforderungen, wie unklare Zuständigkeiten oder fehlende Verantwortlichkeiten, werden ebenfalls als hinderlich beschrieben.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, nennen die Teilnehmenden verschiedene Lösungsstrategien. Zentrale Empfehlung ist ein partizipatives Vorgehen. Zudem soll eine transparente Kommunikation konkreter Vorteile neuer digitaler Anwendungen aufzeigen. Systematische Change-Management-Prozesse werden als entscheidend erachtet, um nachhaltige Lösungen mit hoher Akzeptanz zu implementieren.
Diskussion
Eine wesentliche Limitation der vorliegenden Erhebung liegt in der geringen Stichprobengröße, was die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Eine Erweiterung der Studie könnte hier belastbarere Erkenntnisse liefern.
Digitalisierungsprojekte im Sozial- und Gesundheitswesen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen „hoher Dringlichkeit“ und „begrenzten Ressourcen“. Eine echte Partizipation von Mitarbeitenden wird als essenziell, aber nur schwer umsetzbar beschrieben. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ohne gezielte Einbindung der Endanwender das Risiko besteht, am tatsächlichen Bedarf vorbeizuplanen. Technische Herausforderungen werden zwar wahrgenommen, gelten jedoch als weniger gravierend als strukturelle Hindernisse. Besonders der Ressourcenmangel wird von den Befragten als zentrales Problem beschrieben, denn er behindert die aktive Partizipation.
Zukünftige Digitalisierungsprojekte sollten daher verstärkt auf eine systematische Ressourcenplanung sowie gezieltes Change-Management setzen, um Beteiligungsprozesse realistisch zu ermöglichen. Partizipative Ansätze bleiben ein entscheidender Erfolgsfaktor für die nachhaltige Akzeptanz digitaler Innovationen im Sozial- und Gesundheitswesen. |
| Citation: |
Wiebe, Annika and Kappe, Miriam and Jurisch, Martin and Swoboda, Walter and Schobel, Johannes
(2025)
Zwischen hoher Dringlichkeit und begrenzten Ressourcen: Partizipation in Digitalisierungsprojekten.
In: 60. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) "Teilhabe und Ko-Kreation", 17.-19. September 2025, Berlin, Germany, Paper Id 115 (Abstract).
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